Zum denken


Im Moment kommt es mir so vor, als müssten die Waren, die wir im Kaufhaus oder sonstwo erwerben, vor einem Atomkrieg oder eine Giftgasattacke geschützt werden.
Alles ist bis zum Exzess in Plastikfolie eingepackt. Bei Lebensmitteln scheint das ja noch auf jeden Fall sinnvoll, da der Sauerstoff hier ungewollte chemische Prozesse in Gang bringen würde. Aber wie ist es mit DVDs, CDs oder ähnlichen Dingen? Würde hier nicht eine sehr viel umweltfreundlichere Verpackung genügen?
Den Super-GAU erlebte ich vor einigen Wochen, als ich (zugegebenermaßen etwas antiquierte) analoge Videokassetten zur Aufnahme des TV-Programms erwarb. Ich kaufte einen 3er Pack und sah natürlich sofort auf den ersten Blick die achso geliebte Plastikfolie. Zuhause machte ich mich also daran, diese zu entfernen, was auch relativ problemlos gelang. Aber dann traf mich der Schlag: Jede der drei Videokassetten war ebenfalls einzeln in Plastikfolie gehüllt. Zuviel des Guten meiner Meinung nach.

Aber der Typ der Verpackung alleine ist auch noch nicht das Schlimme. Wenn die Verpackungen wenigstens einfach zu öffnen wären. Aber auch hier habe ich schon Erfahrungen gemacht, die jeden Safeknacker vor Neid erblassen lassen würden. Man hat fast den Eindruck, dass das Produkt vor dem Konsument geschützt werden soll. Das Negativ-Beispiel an dieser Stelle sind Speicherkarten oder ähnliche elektronische Kleinteile. Diese sind in Hardplastik verpackt, welches sich selbst unter Zuhilfenahme von Standard-Werkzeugen wie Schere oder Messer nur schwer öffnen lässt. Ein Brecheisen oder der passende Sprengstoff wären sicherlich zweckdienlicher.

Es ist schon merkwürdig. Überall heißt es „Der Kunde ist König“. Kundenfreundlichkeit steht überall an erster Stelle, sollte man zumindest meinen.

Wie kann es aber dann sein, dass der Kunde sich dann immer öfter fühlt, als wollte der Einzelhandel oder gewisse andere Branchen nicht das beste für ihn, sondern das beste für sie.

1. Beispiel: DVDs
Der treue Fan an sich kann es kaum erwarten, bis der Film, den er mag, auf DVD erscheint. Er wird sofort zuschlagen und ihn seiner privaten Filmsammlung hinzufügen. Soweit das Verhalten des gemeinen Fans oder auch Kunden.

Was tut nun die Film-Industrie. Sie bringt den Film so schnell es geht als DVD auf den Markt, damit der Kunde zufrieden ist. Der Film wird gekauft und alle sind glücklich.
Was nun aber gar nicht im Sinne des Kunden ist: Ein paar Monate später kommt der selbe Film als Special-Limited-Extra Edition mit doppelt soviel Bonusmaterial, einem Riesenposter und der Actionfigur des Hauptdarstellers, natürlich zum doppelten Preis auf den Markt. Das wäre im Prinzip die Version gewesen, auf die der treue Fan gewartet hätte. Aber da er ja so ein treuer Fan ist, hat er natürlich sofort bei Erscheinen des Films auf DVD zugeschlagen.
Soll er jetzt allen Ernstes noch einmal richtig Geld ausgeben, für einen Film, den er schon sein Eigen nennt?
Oder soll man bei jedem Film solange warten, bis die Special-Edition erscheint? Ständig in der Gefahr, dass ein Jahr später noch eine bessere Version erscheint?

2. Beispiel:
Der treue Handy-Nutzer an sich, ist gerne bereit, auch nach Ablauf der üblichen 24 Monate Vertragslaufzeit bei seinem gewohnten Anbieter zu bleiben. Vorausgesetzt natürlich, dass Qualität, Leistung und Service zu seiner Zufriedenheit waren.
Nun könnte man ja auf die Idee kommen, dass solch eine Treue auch entsprechend belohnt wird. Aber die Realität sieht eher so aus, dass Neukunden mit offenen Armen begrüßt werden uns sich vor Super-Sonderangeboten, zusätzlichen Beigaben und Vergünstigungen kaum retten können. Der Kunde, der seinen Vertrag brav verlängert (vielleicht auch, weil er einfach vergessen hat, 3 Monate vor Ende zu kündigen ;-)) muss hingegen um jedes bisschen Aufmerksamkeit und Vergünstigung ringen. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, treue Kunden sind den Anbietern ein Ärgernis.

So bleibt abschließend zu sagen, dass der Kunde natürlich König ist. Vorausgesetzt man richtet sich nach den Wünschen der Anbieter.

Heute morgen hörte ich einen sehr interessanten und aufschlussreichen Bericht im Radio.
Es ging darum, dass die letzten beiden Monate sehr geburtenstark waren. Als Beispiel diente ein typisches Krankenhaus. Dieses hatte in den Monaten September und Oktober 108 Entbindungen zu verzeichnen. Der Spitzenreiter war der 11. Oktober mit 11 Entbindungen, normal sind 3-4.
Als sich das Personal bei einer gewordenen Mutter für das hohe Aufkommen entschuldigte, entgegnete diese nur, dass das bestimmt auf den Stromausfall vor 10 Monaten zurückzuführen sei. Da werden die Leute halt erfinderisch.

Könnte das der Weg aus unserer Geburtenkrise sein?
Es ist Fakt, dass in Deutschland immer weniger Kinder zur Welt kommen und unsere Gesellschaft an Überalterung leidet.
Wenn man nun, sagen wir, einen Strom-„Ausfall“ pro Monat durchführen würde, dann könnte das unserer Geburtenrate zu ungewohnten Höhenflügen verhelfen. Je nach Länge ließen sich auch die Stromkosten erheblich senken.
Und jedes IT-Unternehmen, das 100% Systemverfügbarkeit bieten muss, könnte so regelmäßig sicherstellen, dass die Systeme funktionieren.

Wenn man sich in den Berufssverkehr wagt, sei es mit dem Auto oder mit dem ÖPNV, hat man immer dieses Gefühl, dass es irgendwie nicht genug Platz für uns alle gibt. Diese Raumnot auf den Straßen und in den Bahnen hat jedoch ganz plausible Gründe, die auch für jeden nachvollziehbar sein dürften.
Was jedoch, zumindest für mich, nicht nachvollziehbar ist, ist die Tatsache, dass die Spezies Mensch auch an dieser Stelle wieder einen drauf setzen kann. Ich spreche von der Erzeugung „künstlicher Enge“ durch einige unserer Mitmenschen. Leute, die an öffentlichen Plätzen, wie Bahnhöfen, Unterführungen o.ä. stehen bleiben, um sich zu unterhalten, den Schuh zu zu binden, oder eine SMS zu schreiben, tun dies immer genau dort, wo sich ohnehin schon ein Engpass befindet. Im ersteren Fall stehen sie logischerweise nicht einmal alleine, sondern zu mehreren zusammen und sorgen dafür, dass der schon vorhandene Flaschenhals immer enger und enger wird.
Kann man dieses Verhalten nun auf den Wunsch nach körperlicher Nähe zu seinesgleichen zurück führen? Oder vielleicht auf den unbedingten Wunsch unangenehm aufzufallen? Oder nur auf die schlichte Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit in unserer Gesellschaft?
Vielleicht ist das auch ein bißchen übertrieben und der Mensch hat sich einfach an diese Enge gewöhnt und möchte sie auf keinen Fall auch nur einen Augenblick vermindert oder gar verloren wissen.

Nun ist es schon über eine Woche her, dass die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland ihr Ende gefunden hat.
Und was war das für ein Ende. Ein eher langweiliges Finalspiel mit einem dann doch noch spannenden Elfmeterschießen.
Dazu kam ein Skandal um den französischen Superstar Zinedine Zidane, der kurz vor Ende der Verlängerung die Nerven verlor und durch eine grobe Tätlichkeit vom Platz gestellt wurde. Das machte es den Italienern dann noch einfacher am Ende den goldenen Pokal mit nach Hause zu nehmen, wenn auch meiner Meinung nach zu Unrecht.

Was bleibt nun für die Deutschen?
Denen bleibt der dritte Platz, der fast noch ruhmreicher gelang als der Weltmeister-Titel. Das bezeugten zumindest die Fans, die die Mannschaft am Sonntag des Finales um 12 Uhr in Berlin empfingen. Frenetischer Jubel und Dankeshymnen ließ einen fast glauben machen, wir wären Weltmeister geworden.
Außerdem bezeugen uns unsere Gäste und Nachbarn und auch die Fifa, dass die Weltmeisterschaft in Deutschland eine der besten aller Zeiten war. Die Leute aus den anderen Nationen haben sich wohl gefühlt, es gab wenig Unruhen und keine Skandale (vom Goleo ohne Hose mal abgesehen ;)). Sie haben die Gastfreundschaft und die Freude der Deutschen sehr genossen. Auch, dass wir in Würde verlieren können, rechnet man uns hoch an. Und auch die Fifa lobt die Organisation und den reibungslosen Ablauf dieser Weltmeisterschaft (Danke Franz!).

Langsam lässt die Euphorie jedoch nach. Die Fahnen an Autos und Häusern werden immer weniger und es kehrt Normalität ein. Nicht zu sehen sind die Ansätze eines neuen Nationalismus, die manche Experten in der WM-Euphorie zu sehen glaubten. Was geblieben ist, ist das gute Gefühl eine wunderbare WM ausgerichtet zu haben und im Turnier viel mehr erreicht zu haben, als die meisten vorher geglaubt haben.

Was leider nicht geblieben ist, ist unser Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der nun wirklich einen hervorragenden Job getan hat und den Deutschen neue Hoffnung für den Fußball geschenkt hat. Er hat seinen Vertrag nicht verlängert, weil er wie er sagt „ausgebrannt“ ist. Die vielen Steine, die ihm in den Weg gelegt wurden und das Misstrauen und die Zweifel, die ihm entgegen gebracht wurden, spielen allerdings sicherlich auch eine Rolle.

Also wünschen wir Jürgen alles Gute und freuen uns gemeinsam auf eine spannende Europameisterschaft 2008!

Wir sind Papst! Wir sind Fußball! Wir sind Deutschland!
Diese und noch viele andere Identitäten wurden uns in den letzten Monaten immer wieder auferlegt. Irgendwann wussten wir selber nicht mehr, wer wir nun eigentlich sind. Und nun auch noch „Wir sind WM“ ?

Angefangen hat es alles mit der Initiative „Du bist Deutschland„, die von September 2005 bis Januar 2006 mit Fernseh- und Plakat-Werbung auf sich aufmerksam gemacht hat. Beteiligt an dieser Initiative waren 25 der führenden deutschen Medienunternehmen unter der Koordination der Bertelsmann AG.
Ziel der Aktion war es, eine neue Aufbruchsstimmung und mehr Vertrauen in uns selbst und unser Land zu verbreiten.
Die Aktion wurde jedoch während der Ausführung oft belächelt und auch durch diverse „Du bist …“ oder eben „Wir sind …“ Varianten etwas durch den Kakao gezogen und hat dadurch ihr Ziel nicht wirklich erreicht.

Aber was ist es, was zur Zeit in Deutschland passiert?
Zum einen ist es schlichtweg die Durchführung der 18. Fußball-Weltmeisterschaft.
Viel mehr muss die Frage lauten: Was passiert zur Zeit mit den Deutschen?

Durch die positive Leistung der deutschen Nationalmannschaft geht eine Welle der Euphorie durch die Nation, wie sie es seit Jahrzehnten nicht gegeben hat. Außerdem sieht man im Moment mehr Deutschland-Fahnen als jemals zuvor, an Autos, Häusern, Fahrrädern und Menschen.
Die Deutschen sind endlich wieder stolz deutsch zu sein und schämen sich ihrer Herkunft nicht. Und unsere „Gäste“ nehmen es uns nicht mal übel, trotz unserer Vergangenheit. Immerhin liegt diese nun schon mehr als 60 Jahre und zwei Generationen-Wechsel zurück. Vergessen ist sie mit Sicherheit nicht, aber langsam verliert sie ihren Einfluss auf die Gegenwart und die Zukunft.

Aber wir wären nicht Deutschland, wenn es nicht Leute geben würde, die in dieser, teils übertriebenen Euphorie sofort wieder die Gefahr sehen würden, dass unsere Vergangenheit sich wiederholen könnte. Von übertriebenem Patriotismus, der schnell in Nationalismus umschlagen kann, wie es vor 70 Jahren geschehen ist, ist die Rede.

Aber seien wir mal ehrlich. Die Vergangenheit unserer „Gäste“ ist zum großen Teil auch nicht ohne Fehl und Tadel und die Vergangenheit ist immer noch dazu da, um aus ihr zu lernen und Fehler die geschehen sind, in Zukunft zu vermeiden. Also genießen wir das neue Gefühl der Deutschen, dass sie sich ihres Landes nicht mehr schämen müssen und drücken unseren National-Spielern die Daumen, dass sie es bis ganz nach oben schaffen.

Unsere „Gäste“ fühlen sich jedenfalls sehr wohl bei uns und sind überrascht von der Gast-Freundschaft und der Fröhlichkeit der Deutschen.
„Die Welt zu Gast bei Freunden“ eben.

Was haben sich die Deutschen geschämt, als unsere Schüler bei der internationalen PISA-Studie in den Jahren 2000 und 2003 auf sehr enttäuschenden Plätzen gelandet sind.
Macht das uns nun zu schlechteren Menschen?
Müssen wir uns unserer Kinder deswegen schämen?
Haben wir bei der Erziehung grundlegende Dinge vernachlässigt?
Oder ist unser Bildungssystem und unsere Lehrkräfte wirklich so zurück geblieben?

Aus der PISA-Studie alleine lässt sich dies so nicht herleiten.

Allerdings deuten jüngste Entwicklungen doch darauf hin, dass zumindest einige der obigen Fragen ganz klar bejaht werden müssen.

Gemeint ist der Aufstieg einer so genannten Pop/Rock-Band im Jahre 2005.
„Tokio Hotel“ ist seit einem knappen Jahr nun in aller Munde und sorgt dort teilweise für Begeisterungs-Schreie, teilweise aber auch für das dringende Bedürfnis sich die letzte Mahlzeit noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.
Was macht diese Gruppierung einiger übermütiger Halbstarker nun zur größten Newcomer Band Deutschlands (2005: Comet, Eins Live Krone; 2006: ECHO, Steiger-Award, BRAVO Otto)?
Ist es ihr kindliches und unreifes Auftreten? Ihr Geschmack für extravagante Outfits? Oder einfach nur ihre tiefsinnigen Texte („und wenn ich nicht mehr kann denk ich daran, Irgendwann laufen wir zusamm“)?

Fest steht, dass sie die Massen begeistern und bei ihren Konzerten teilweise für mehrere Kreislauf-Zusammenbrüche sorgen. Ihre Fans beschreiben sie als nett und natürlich. Sätze wie „Ich könnte mir gar nicht vorstellen, mich in einen anderen Jungen zu verlieben.“ lassen ein wenig von der Gemütsverfassung erahnen.
Merkwürdigerweise sind eben diese Fans ein Teil der Generation, die für das schlechte Abschneiden bei der PISA-Studie verantwortlich ist.
Alle anderen, die einen gewissen Reife-Grad bereits überschritten haben, leiden eher unter der Euphorie und der damit verbundenen Popularität.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mit unserer jungen Generation etwas nicht stimmt. Ob man den Beweis dafür nun in der PISA-Studie oder bei der Begeisterung für eben beschriebene Musik-Gruppe sieht, sei jedem selbst überlassen.

Weiterführende Links: spiegel.de, Tokio Hotel, PISA-Studie, PISA-Studie (offiziell)

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