Juli 2006


Nun ist es schon über eine Woche her, dass die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland ihr Ende gefunden hat.
Und was war das für ein Ende. Ein eher langweiliges Finalspiel mit einem dann doch noch spannenden Elfmeterschießen.
Dazu kam ein Skandal um den französischen Superstar Zinedine Zidane, der kurz vor Ende der Verlängerung die Nerven verlor und durch eine grobe Tätlichkeit vom Platz gestellt wurde. Das machte es den Italienern dann noch einfacher am Ende den goldenen Pokal mit nach Hause zu nehmen, wenn auch meiner Meinung nach zu Unrecht.

Was bleibt nun für die Deutschen?
Denen bleibt der dritte Platz, der fast noch ruhmreicher gelang als der Weltmeister-Titel. Das bezeugten zumindest die Fans, die die Mannschaft am Sonntag des Finales um 12 Uhr in Berlin empfingen. Frenetischer Jubel und Dankeshymnen ließ einen fast glauben machen, wir wären Weltmeister geworden.
Außerdem bezeugen uns unsere Gäste und Nachbarn und auch die Fifa, dass die Weltmeisterschaft in Deutschland eine der besten aller Zeiten war. Die Leute aus den anderen Nationen haben sich wohl gefühlt, es gab wenig Unruhen und keine Skandale (vom Goleo ohne Hose mal abgesehen ;)). Sie haben die Gastfreundschaft und die Freude der Deutschen sehr genossen. Auch, dass wir in Würde verlieren können, rechnet man uns hoch an. Und auch die Fifa lobt die Organisation und den reibungslosen Ablauf dieser Weltmeisterschaft (Danke Franz!).

Langsam lässt die Euphorie jedoch nach. Die Fahnen an Autos und Häusern werden immer weniger und es kehrt Normalität ein. Nicht zu sehen sind die Ansätze eines neuen Nationalismus, die manche Experten in der WM-Euphorie zu sehen glaubten. Was geblieben ist, ist das gute Gefühl eine wunderbare WM ausgerichtet zu haben und im Turnier viel mehr erreicht zu haben, als die meisten vorher geglaubt haben.

Was leider nicht geblieben ist, ist unser Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der nun wirklich einen hervorragenden Job getan hat und den Deutschen neue Hoffnung für den Fußball geschenkt hat. Er hat seinen Vertrag nicht verlängert, weil er wie er sagt „ausgebrannt“ ist. Die vielen Steine, die ihm in den Weg gelegt wurden und das Misstrauen und die Zweifel, die ihm entgegen gebracht wurden, spielen allerdings sicherlich auch eine Rolle.

Also wünschen wir Jürgen alles Gute und freuen uns gemeinsam auf eine spannende Europameisterschaft 2008!

Wir sind Papst! Wir sind Fußball! Wir sind Deutschland!
Diese und noch viele andere Identitäten wurden uns in den letzten Monaten immer wieder auferlegt. Irgendwann wussten wir selber nicht mehr, wer wir nun eigentlich sind. Und nun auch noch „Wir sind WM“ ?

Angefangen hat es alles mit der Initiative „Du bist Deutschland„, die von September 2005 bis Januar 2006 mit Fernseh- und Plakat-Werbung auf sich aufmerksam gemacht hat. Beteiligt an dieser Initiative waren 25 der führenden deutschen Medienunternehmen unter der Koordination der Bertelsmann AG.
Ziel der Aktion war es, eine neue Aufbruchsstimmung und mehr Vertrauen in uns selbst und unser Land zu verbreiten.
Die Aktion wurde jedoch während der Ausführung oft belächelt und auch durch diverse „Du bist …“ oder eben „Wir sind …“ Varianten etwas durch den Kakao gezogen und hat dadurch ihr Ziel nicht wirklich erreicht.

Aber was ist es, was zur Zeit in Deutschland passiert?
Zum einen ist es schlichtweg die Durchführung der 18. Fußball-Weltmeisterschaft.
Viel mehr muss die Frage lauten: Was passiert zur Zeit mit den Deutschen?

Durch die positive Leistung der deutschen Nationalmannschaft geht eine Welle der Euphorie durch die Nation, wie sie es seit Jahrzehnten nicht gegeben hat. Außerdem sieht man im Moment mehr Deutschland-Fahnen als jemals zuvor, an Autos, Häusern, Fahrrädern und Menschen.
Die Deutschen sind endlich wieder stolz deutsch zu sein und schämen sich ihrer Herkunft nicht. Und unsere „Gäste“ nehmen es uns nicht mal übel, trotz unserer Vergangenheit. Immerhin liegt diese nun schon mehr als 60 Jahre und zwei Generationen-Wechsel zurück. Vergessen ist sie mit Sicherheit nicht, aber langsam verliert sie ihren Einfluss auf die Gegenwart und die Zukunft.

Aber wir wären nicht Deutschland, wenn es nicht Leute geben würde, die in dieser, teils übertriebenen Euphorie sofort wieder die Gefahr sehen würden, dass unsere Vergangenheit sich wiederholen könnte. Von übertriebenem Patriotismus, der schnell in Nationalismus umschlagen kann, wie es vor 70 Jahren geschehen ist, ist die Rede.

Aber seien wir mal ehrlich. Die Vergangenheit unserer „Gäste“ ist zum großen Teil auch nicht ohne Fehl und Tadel und die Vergangenheit ist immer noch dazu da, um aus ihr zu lernen und Fehler die geschehen sind, in Zukunft zu vermeiden. Also genießen wir das neue Gefühl der Deutschen, dass sie sich ihres Landes nicht mehr schämen müssen und drücken unseren National-Spielern die Daumen, dass sie es bis ganz nach oben schaffen.

Unsere „Gäste“ fühlen sich jedenfalls sehr wohl bei uns und sind überrascht von der Gast-Freundschaft und der Fröhlichkeit der Deutschen.
„Die Welt zu Gast bei Freunden“ eben.